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schnellboot

 

Schnellboot am Canal Grande

Fast möchte man meinen, den unverwechselbaren Atem der Lagunenstadt zu spüren, dazu den Motorenlärm des Bootes und das gischtige Rauschen der Bugwelle zu hören. Im nächtlichen Licht liegt die Szenerie vor uns, eingefroren, angehalten wie auf einer verwischten, leicht verwackelten Fotografie. Der vermeintliche Schnappschuss aber ist ein raffiniertes Gemälde von Petra Krischke.

Ein Bild voller optischer und atmosphärischer Tiefenwirkung. Das irrlichternd am Betrachter vorbeirasende Schnellboot am Canal Grande" verdankt seine ebenso faszinierende wie verblüffende Wirkung zum einen dem erstaunlichen handwerklichen Können der Künstlerin, zum anderen aber auch ihrem Mut zu einer Perspektive, die jenseits aller statischen, abgenutzten Venedig-Motive liegt.

So gelingt Petra Krischke eine ungewöhnliche, von fesselnden Farb- und Lichtreflexen belebte neue Komposition zu einem alten Thema. Das macht unbedingt neugierig auf weitere Arbeiten dieser Künstlerin.

Curt Heigl

Ehemaliger Direktor der Kunsthalle Nürnberg, anlässlich "Kunstpreis Nürnberger Nachrichten"

 

vaporetto

 

Vaporetto

Eine dunkle Fläche umgibt die leuchtende Erscheinung in der Bildmitte, und offenbar werden ihre starken Farben, das Rot, Gelb, Grün und Blau, auf der Fläche reflektiert. Die Reflektion zieht sich zum unteren Bildrand hin, verläuft in Schlieren; dabei verliert sich die Farbanordnung in einer abstrakten, bewegten Struktur. Am oberen Bildrand ziehen sich erleuchtete Fassaden entlang, Lichter verdichten sich am Übergang zur dunklen Fläche, die sich wiederum hinter den Fassaden ein kurzes Stück fortsetzt. Dann schließt ein Streifen dämmernden Himmels das Bild ab.

Die Farben und Formen sind als das verschwommene Abbild eines kleinen Schiffes auf nächtlicher Wasserfläche vor der Kulisse einer Stadt auszumachen, deren Lichter ebenso wie die des Bootes in bunten Strichen verschwommen aufleuchten. Ein zweites Boot ist links oben erkennbar. Der Titel Vaporetto" macht klar, wo wir uns befinden. Der italienische Ausdruck für Dampfschiffchen" bezeichnet die venezianischen Wasserbusse, die Einheimische und Touristen über ein öffentliches Liniennetz durch die Lagunenstadt befördern - wobei der Name eine Reminiszenz an die gute alte Zeit" ist, in der die Boote tatsächlich noch mit Dampfkraft betrieben wurden. Heute sind es Dieselaggregate, und die Vaporetti und ihre teils schwimmenden Haltestationen sind zwar berühmt, aber nicht unbedingt dem nostalgischen Venedig-Bild mit Markusplatz, Dogenpalast, Campanile und Gondeln verpflichtet. Ein Stück alltäglicher, funktionaler Technik, die das Postkartenidyll stört, ist der Ausgangspunkt für Petra Krischkes in zahlreichen Öllasuren aufgebaute Malerei. Ihre Motive entdeckt sie häufig auf Reisen, und so entstand auch das Venedigbild zunächst vor Ort; es ist gewissermaßen eine Reiseskizze, die jedoch mit dem Fotoapparat angefertigt wurde. Wieder zu Hause, wurde die Fotografie digital bearbeitet. Mit Verzerrungen, Verschiebungen und Montagen kreierte Petra Krischke die eigentliche Vorlage. Die Übertragung auf die Leinwand, die Bearbeitung mit dem klassischen Malmittel fügt der Arbeit dann einen weiteren Aspekt hinzu. Denn aus der Vorlage, dem eigentlich Belanglosen, dem Klischee, wird durch eine Betrachtung, die den Gegenstand außer Acht lässt und sich auf die farbliche Gestaltung konzentriert, das eigene selbstständige Bild. Man könnte von einem Farbenrausch sprechen, der diese Phase der Entstehung entscheidend prägt. Dabei ist eine spezielle Art der Bearbeitung erkennbar, ein Umranden der leuchtenden Ausgangspunkte, ein Verknüpfen der Formen durch die besondere Tiefe, die von der Lasurtechnik ermöglicht wird.

An den Spiegelungen auf der dunklen Wasseroberfläche ebenso wie am gestauchten Bootskörper wird deutlich, dass bei diesem Verfahren eine weitgehende Loslösung von der fotografierten Form stattfindet. So steht auch die Frage im Raum, wie wahr das Bild letztlich ist - oder ob eine persönliche Sichtweise das naturalistische Motiv mittels der künstlerischen Bearbeitung umwandelt in eine eigenständige Form von Schönheit. Diese mag nicht in üblichem Sinne "wahr" sein. Letztlich aber schafft sie ein Bild, das subjektiv wie eine Erinnerung ist, und dessen Eigenart darin liegen kann, das Gewöhnliche und Unattraktive in optische Sensationen zu verwandeln.


Jochen Meister

Kunsthistoriker, München, anlässlich "junge Kunst in Bayern"

 

Spielkfig

 

Spielkäfig

Ausgangspunkt für die Malerei von Petra Krischke sind Fotografien, die sie oft auf Reisen macht. Fasziniert von einer ungewöhnlichen Sicht auf die Dinge,ü bernimmt die Künstlerin ihre Motive allerdings nicht unverändert, sondern unterzieht sie einer Berarbeitung am Computer. Dabei ist es besonders wichtig für sie, ein "Tiefenleuchten der Farben" entstehen zu lassen.

Der gespenstische Eindruck eines verlassenen Bällebades bei Nacht lieferte die Anregung zum Spielkäfig. In solchen Räumen lassen Eltern ihre Kinder, um in Einkaufszentren oder Möbelhäusern ungestört ihrer Betätigung nachzugehen. Manche Kinder lieben solche Attraktionen, da sie Aggressionen relativ ungehemmt abbauen können, was in den hellhörigen Stadtwohnungen kaum möglich ist. Der Umstand, dass ausgerechnet ein Käfig es erlaubt, den Bewegungsdrang besser auszuleben, erscheint paradox. Fast klingt der Lärm tobender Kinder in dem schreienden Kolorit des Gemäldes nach. Der Spielkäfig in seinen knallbunten Bonbonfarben wird zum Gleichnis für die Künstlichkeit großtädtischer Zivilisation, die häufig als Gefängnis empfunden wird, aber gleichzeitig auch ungeahnte Freiheit bieten kann.

Wenn Krischke die Verfremdung durch das Bildbearbeitungsprogramm am PC als "die ersten Spuren einer individuellen Handschrift" bezeichnet, mutet das zunächst ebenso paradox an. Doch macht sie durch diese Aussage auf die jedem Medium anhaftende, eigene Bildsprache aufmerksam. Was in unseren Augen "Realität" darzustellen verspricht, ist - allein schon, weil es sich um eine Darstellung handelt, nicht mit der Wirklichkeit zu verwechseln, sondern bereits immer schon ihr symbolischer Ersatz.

Dr. Harald Tesan anlässlich "Urbane Welten"

 

 

Fhre

 

Fähre

Ich wollte ein Strahlen der Lichter am Horizont erzeugen, ohne mit dem Hell-Dunkelkontrast zu arbeiten – nur mit dem Kontrast zweier gleich heller Farben. Der Himmel auf dem Gemälde ist nicht Grau und Schwarz wie auf der Fotovorlage, sondern Grün und Braunorange, damit nicht viel dunkler als die Lichter. Das schmutzige Orange des Himmels und das schmutzige Blau des Wassers leuchten beinahe wie Signalfarben, obwohl es keine Leuchtfarben sind. Ein spezielles, durch viele transparente Farbschichten hervorgerufenes Tiefenleuchten ist dafür verantwortlich. Das Bild soll das Herz des Betrachter erobern, bevor er es mit dem Verstand als Kitsch abtun kann. Es zielt auf die Instinkte des Menschen und nicht auf den erlernten Geschmack.

Petra Krischke

Waschmaschine

 

Gefallene Waschmaschine

Meine „Fallstudie“ wurde durch den Umstand inspiriert, dass in der später als Zentrifuge bekannt gewordenen Ausstellungshalle ursprünglich Waschmaschinen gelagert wurden. Ich sehe in meiner Aktion auf dem ehemaligen Gelände der AEG ein Gleichnis für den Niedergang der Firma. Nach Probedurchläufen mit dem eigenen PKW, ließ ich bei der Ausstellungseröffnung eine Waschmaschine von einem Gabelstapler hochziehen und schnitt dann im Beisein der Vernissagengäste das Seil mit einer langen Astschere durch. Der Ausgang des Experiments blieb höchst ungewiss. Würde die Maschine nur eine Beule abbekommen oder ganz zerbersten? Besteht Gefahr für das Publikum? – Der Vorgang wurde mehrmals wiederholt...

Petra Krischke

 

Kleiner Teich

Kleiner runder Teich

Der kleine kreisrunde Teich wurde von mir für die Dauer von fünf Tagen angelegt. Er befand sich in einer romantischen, von Büschen und Bäumen umgebenen Ecke auf dem Gelände der Nürnberger Kunstakademie. Da ich die Kanten der Wiese fein säuberlich abgestochen hatte und die übrige Rasenfläche von den Grabungen absolut unberührt blieb, wirkte der Teich, als wäre er schon immer dagewesen. Seine 1,20 Meter tiefen Seitenwände waren senkrecht. In der Grube mit einem Meter Durchmesser hatte ein kleiner Teppich mit einem gedeckten Tisch darauf Platz. Diese kleine heile Welt wirkte, als wäre sie plötzlich im Erdboden eingesunken und im Wasser ertrunken. Die Arbeit hatte eine liebliche und dennoch morbide Ausstrahlung.

Petra Krischke

 

schuhregal

 

Schuhregal

Der Umstand, einen Unort wie diesen zu bespielen, brachte mich auf die Idee, einen Teil meines eigenen Kellers in den Münchner Keller zu verpflanzen. Einen sehr persönlichen Teil – die linke Hälfte aller meiner Schuhpaare. Alle rechten Schuhe blieben in meinem eigenen Keller. Am Eröffnungsabend setzte ich mich den Fragen des Publikums aus: „Warum sind die Schuhe getrennt wie im Laden? Wo sind die anderen Schuhe? Sieht das andere Schuhregal auch so aus? Wer trägt solche Schuhe? Sind alle Schuhe von einer Person? Warum haben Sie keinen geschlossenen Schuhschrank? Welche Schuhe tragen Sie während der Ausstellungszeit? Aus welchem Jahr stammt diese oder jene Mode? Wofür braucht man so viele Schuhe? Sind auch ungetragene Schuhe dabei? Kann man damit laufen? Ist das so etwas wie eine Briefmarkensammlung? Werfen Sie nie etwas weg? Lieben Sie ihre Schuhe? Putzen Sie die regelmäßig? Sind das Fetische? Wird das Regal immer abgestaubt? Haben Sie schlechten Sex? …“

Petra Krischke

 

Frau auf Leinen

 

Frau auf Leinen

Der kubische Aufbau verbindet Malerei und Installation und ermöglicht mir das Erzählen einer Geschichte. Die vier Einzelbilder enthalten zahlreiche Symbole, welche die Fantasie des Betrachters herausfordern, so etwa die Architektur des Cá bovolo in Venedig. In jener Arbeit, bei der ich mich – angeregt durch ein Buch Umberto Ecos – mit dem Phänomen der Hässlichkeit auseinandersetzte, fand ich zu einer besonderen Malweise: ich ließ nicht nur den Hintergrund, sondern auch die Grundierung weg. Die bemalten Stellen treten plastisch in Erscheinung, wodurch sie wie ausgeschnitten und aufgeklebt wirken. Bei dieser Technik hat man später kaum Korrekturmöglichkeiten. Anders als bei einem Aquarell passiert es, dass die Wahrnehmung ständig zwischen räumlicher Illusion auf den bemalten Flächen und der Materialität des rohen Leinen wechselt. Die Tupfen scheinen vom Kleid zu fliegen. Auf dem Tierkörper sieht man in der roten Farbe noch das Blut, im Eis auf der Eistüte noch das Eis; doch sobald es auf das Leinen läuft und dicke Nasen bildet, wird offensichtlich, dass es sich doch um Malmaterial handelt.

Petra Krischke

touristenfoto

 

Touristenfoto

Jeder kennt die typischen Touristenfotos mit Partner im Vordergrund und Sehenswürdigkeit im Hintergrund. Da die Person dann die Sehenswürdigkeit, also das eigentliche Hauptmotiv verdeckt, erschien mir die Vorgehensweise immer absurd. Allenfalls dient diese Bildgestaltung einer Beweisführung, dass man wirklich am fotografierten Ort war. Um dieses Absurdum auf die Spitze zu treiben begann ich, an Stelle eines Menschen einen Mülleimer so in Szene zu setzen, als wäre er das wichtigste und schönste Bildmotiv. Dabei wählte ich immer Behälter, die schon am jeweiligen Ort vorhanden waren. Als Beweis der persönlichen Anwesenheit am Urlaubsort dienen nun die genauen Kameradaten mit Datum, Uhrzeit und Koordinaten. Sie werden im Bildtitel angegeben.


von 2009.08.07 15:27:18 45°27´4.84“N 12°20´56.92“E

bis 2011.01.23 14:39:23 49°30´34.93“N 11°16´54.59“E

Petra Krischke

expose

 

Exposé

Die Idee entstand in einem ehemaligen Asylantenwohnheim, in dem nun Lofts gebaut werden sollten. Ich renovierte, putzte und dekorierte ausgesuchte Teile der verwahrlosten Räume und zwar nur jene Stellen, die man durch den Sucher einer Kamera sehen konnte. Die aufgeschönten Bereiche grenzten sich scharf von der original belassenen, sogar von Schimmel befallen Umgebung ab. Sobald man den Betrachtungswinkel nur leicht veränderte, wurde der Schmutz rundum sichtbar. In den Exposés der Immobilienfirmen werden nur die Vorteile der Wohnungen betont und die Nachteile völlig unterschlagen. Der Fokus richtet sich auf das Verkaufsfördernde, alles Negative wird ausgeblendet. Das entspricht der selektiven Sichtweise des Kameraobjektivs, das den Raum außerhalb des Bildausschnitts nicht erfasst.

Petra Krischke

nizza

 

Nizzakleid

Zehn Tage Nizza standen bevor. Bei mir drängten sich Bilder aus der frühen Touristenstadt auf; vor allem Filmszenen mit eng taillierten Kleidern der 50er Jahre, unter denen man enge Korsagen trug. Ein festgeschnürtes Korsett, wie es noch um die Jahrhundertwende Mode war, sollte nicht als Unterwäsche versteckt, sondern sichtbar getragen werden. Ich entwarf ein Kleid, dessen Stoff und Ösen einem Segeltuch nachempfunden und somit dem Hafen von Nizza geschuldet sind. Der Rock ist wie in der Zeit des Nachkriegstourismus weit geschnitten. So ein Korsett zu bauen ist eine kleine technische Herausforderung, da es ein räumliches unregelmäßiges Gebäude ist, das genauestens angepasst und trotzdem andere Maße haben muss als der Körper, um die Figur an speziellen Stellen zu verformen. Das selbst genähte Kleid zehn Tage und Nächte lang ununterbrochen zu tragen, war wie zu erwarten sehr unbequem. Aber auch in anderer Hinsicht gab es Probleme, weil es ein Kleidungsstück war, das nicht in unsere Zeit passt. Das fing bei der Flughafenkontrolle an – die Stäbchen lösten Alarm aus, das bedeutete: Ausziehen! – und hörte bei den Blicken und Kommentaren der Passanten noch lange nicht auf. Mein Interesse galt auch der Untersuchung, inwieweit sich der eigene Körper im vorgegebenen Zeitraum an das Korsett anpassen würde. Die Eindrücke während des Tragens sind in einem Tagebuch dokumentiert.

Petra Krischke

göppingen_klein

 

Karlstraße 114

Am maroden Äußeren eines Hauses in der Nürnberger Mittleren Karlstraße versuchte ich den ehemaligen Zustand, ähnlich wie es bei antiken Stätten geschieht, wieder herzustellen. Dazu wurden zwei ausgesuchte Stellen verputzt, gestrichen und mit Blumen bepflanzt, jedoch nur jene, die man jeweils durch einen Kamerasucher anvisieren konnte. Sobald man nach der Renovierung eine andere Blickrichtung als die vorgegebene der Kamera einnimmt, erscheinen die wiederhergestellten Bereiche in der realen Situation als perspektivisch verzogene Fragmente. Die Fassadenausschnitte könnten mit Fotos aus vergangenen Zeiten übereinstimmen, die in starkem Kontrast zum jetzigen Gebäudezustand stehen. Um das fiktive „Davor“ und „Danach“ auf die Spitze zu treiben ging ich soweit, sogar die Zeitung im Briefkasten halb neu und zur anderen Hälfte verwittert zu inszenieren.

Petra Krischke

wiese

 

Sommerplanetenwiese

Anlässlich der Blauen Nacht begrünte ich die Vestnertorbastei der Nürnberger Burg mit einer künstlichen Wiese. Sie war so künstlich, dass sie nicht von dieser Welt schien. Ein magisches Leuchten, das die Bäume und Bänke erfasste, spiegelte die Sehnsucht nach einem unerreichbaren Planeten, auf dem immer Sommer ist. Neongrün strahlende Halme wiegten sich im galaktischen Wind, der auch die am Boden ausgelegte Folie zum Rascheln brachte, welche das Licht zusätzlich streute. Wo keine Folie war, konnte man das Gelände begehen und sich auf Bänken niederlassen. Neben dem Wunsch, ein unwirklich überhöhtes Naturschauspiel zu schaffen, reizte es mich, einen altmodischen Gegenstand, den fast jeder aus der Kitsch-Ecke kennt, in einen anderen Kontext zu stellen. Die Wiese bestand aus 3 000 Stehlampen mit Glasfaserbündeln.

Petra Krischke

windrad

 

Windpark - Perpetuum Mobile

Die hypothetische Konstruktion eines Perpetuum Mobile wollte ich in Form eines Windparks verwirklichen. Mit dem erzeugten Strom sollten Ventilatoren angetrieben werden, die wiederum den benötigten Wind liefern. Dazu stellte ich zweimal acht Windräder gegenüber. Die roten Windräder machten Wind, die weißen Windräder produzierten Strom. Von jedem Ventilator bzw. Generator ging ein Kabel zu einer Verteilerbox, so dass jeder Propeller sein Gegenüber außer mit Wind auch mit Strom versorgen konnte. Da sich der Wirkungsgrad der Anlage als ziemlich gering erwies, konnte auch mein Perpetuum Mobile nur mit externer Energiezufuhr funktionieren. Doch der große, leere Saal des Nürnberger Rathauses erwies sich in mehrfacher Hinsicht als prädestinierter Ort für das Experiment. Die Windräder wirkten in dem historischen Ambiente sehr malerisch, was auch daran lag, dass ich sie bis ins Detail selbst gebaut hatte. Spuren des Handwerklichen blieben an ihnen sichtbar – wie die Pinselstriche auf einem Bild.

Petra Krischke

regionalbank

 

Regionalbank

„Durch die Bank“, „etwas auf die lange Bank schieben“, „auf der Bank sitzen“ – das Wort „Bank“ kommt nicht nur in zahlreichen Redewendungen, sondern auch in vielen Wortverbindungen vor. Etymologisch stammt es wohl von altisländisch bakki ab, das einen Hügel oder eine Erhöhung bezeichnete.

In der Kennzeichnung der exponiert im Eingangsbereich der Kunstvilla stehenden Sitzbank als „Regionalbank“ verschränken sich im Wesentlichen drei Bedeutungsebenen, die auf die Funktion des Gebäudes anspielen. Ausgehend von der in der Kunstvilla überlieferten historischen Holzbank über die Bank als Geldinstitut, das die Vorfahren der ehemaligen Villenbewohner in Nürnberg gründeten, bis zur heutigen Nutzung als Kunstmuseum, das seine Sammlung in einer Datenbank verzeichnet hat – die „Regionalbank“ markiert bereits im Eingangsbereich das komplexe Geflecht von Vergangenheit und Gegenwart, das die Kunstvilla charakterisiert. Zugleich spielt die Installation auf die Aufgabe der Kunstvilla als Kunstmuseum für regionale Kunst von 1900 bis in die Gegenwart an. Wer wird ausgegrenzt, wer erhält die museale Weihe oder im ursprünglichen Sinne eine „Erhöhung“? Wer darf sich heute auf der Bank niederlassen?

Dr.Andrea Dippel, Nürnberg, Kunsthistorikerin und Leiterin der Kunstvilla Nürnberg, anlässlich der Eröffnungsausstellung der Kunstvilla

haosfrau

 

Haosfrau

Die Performance fand in einem ehemaligen Unterstand für Einkaufswagen statt, genannt Haos. Impulsgeber war die Stange im Haos, an der die Einkaufswagen befestigt wurden. Sie erinnerte mich an eine Ballettstange. Um die Sehgewohnheiten zu brechen sollte das Kostüm für den geplanten absurden Tanz an der Stange, möglichst bizarr sein, komisch aber nicht hässlich. Schließlich kam ich zu dem Bild einer multiperfekten Haosfrau. In Frauenzeitschriften gibt es Seiten mit perfekten Frisuren (dafür stehen die Lockenwickler), ausgeklügelte Schminkanleitungen (...Nagellack), Tipps für ein grandioses Sexualleben (…Reizwäsche, hohe Absätze), Erziehungsratschläge für unkomplizierte Kinder (...Babypuppe), Gymnastikübungen für die traumhafte Strandfigur (...Hanteln, Gymnastikmatte), aufwändige Kochrezepte (...Bratenwender, Kochlöffel), noble Einrichtungsbeispiele (...Hausschuh am anderen Fuß), ausgefallene Tischdekorationen (Blumenvase), Werbung für Putzmittel (...Gummihandschuhe, Putzlappen), die Managerfrau als Vorbild (...schwarzes Kostümjäckchen) , Verhaltensregeln für´s Büro und jede Menge teure Mode (...enger Rock). Alle Utensilien sind farblich abgestimmt und deshalb Rosa mit Schwarz, weil es bei diesen Farben, von der Hantel bis zum Putzlappen über Hausschuhe und Unterwäsche, die meisten Übereinstimmungen gab, da diese Farben offenbar bei Frauen sehr beliebt sind. Manche Frau setzt sich durch solche Idealvorstellungen selbst unter Druck ohne es zu merken. Für den Zwang, den man sich dabei selbst auferlegt, stehen die Handschellen. Weil niemand allen diesen überhöhten Ansprüchen gleichzeitig gerecht werden kann, kommt es dabei schon mal zu Überforderungserscheinungen. Da es sich um ein Luxusproblem handelt, in das man sich selbst bringt, wollte ich die Situation überspitzt, tragisch komisch und spöttisch, durch verwirrtes Handeln darstellen. In der Performance „Haosfrau“ zeigte ich eine halbe Stunde lang absurde Handlungen einer überspannten Frau, die in Businesskleidung über der Reizwäsche tragend, ihre Gummihandschuhe lackiert und trocken bläst, gleichzeitig ihr Kind in den Schlaf wiegt und mit der anderen Hand ihre Haare mit dem Bratenwender kämmt.

Petra Krischke

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weiß weiß weiß und schwarz

Der Karl-Bröger-Tunnel verbindet in Nürnberg das Opernhaus und verschiedene Businesshotels mit einem mittlerweile wegen Prostitution und Kriminalität in Verruf geratenen Stadtviertel jenseits des Bahnhofs. Ich nahm das Unbehagen, das mancher verspürt, der nachts allein durch den Tunnel muss, zum Anlass eines Projekts, das die Erwartungen der Menschen unterlaufen sollte. Eine Gruppe schwarz gekleideter und vermummter junger Männer fragte die Passanten höflich, ob sie ihnen Geleitschutz durch den Tunnel geben dürfte. Zur Performance gehörte eine Installation, bei der das einförmige kalte Licht der Wandleuchten zur Tunnelmitte hin „angewärmt“ wurde. Durch halbtransparente, das Licht streuende Plastikfolien sollte das abweisende Ambiente behaglicher werden. Auch diente das leise Rascheln der zart gerafften Vorhänge dazu, das laute Donnern der über dem Tunnel fahrenden Züge zumindest etwas abzupuffern.

Petra Krischke

ganzkoerperkorsett

 

Ganzkörperkorsett

Es gab und gibt unterschiedliche Formen der Einengung und Verhüllung des weiblichen Körpers, entweder im Zusammenhang mit herrschenden Schönheitsidealen oder religiösen Vorstellungen. Ich ließ mich von Korsetts leiten, die in Europa vom Rokoko bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts der Regelfall waren und bei längerem Tragen eine dauerhafte Körperverformung nach sich zogen.

Wie die historischen Vorbilder, verfügt mein selbstgeschneidertes Korsett über eine gewaltsame Taillenreduzierung. Darüber hinaus reicht es vom Scheitel bis zur Sohle und lässt durch die Aussteifung von Armen und Beinen nur noch stark eingeschränkte Bewegung zu. Gehen ist allenfalls in kleinen Schritten möglich, ähnlich wie im Kimono mit Holzplateausohlen und geschnürten Füßen. Die vergitterten Augenschlitze der Kopfhaube lassen an eine Burka denken. Gleichzeitig erinnert das Ganzkörperkorsett an eine auferstandene Mumie oder einen Geist. Vor allem auf Kinder wirkt es Angst einflößend. Der weiße Stoff ähnelt medizinischen Verbänden und weckt Assoziationen zu Schönheitsoperationen (heutzutage ist Fettabsaugung an die Stelle von Korsagen getreten). Man fühlt sich in diesem Ganzkörperanzug eingesperrt, aber auch vor den Blicken anderer geschützt. Man wird zum weißen, gesichtslosen Phantom.

Im öffentlichen Raum erschrecken Leute, wenn sich die vermeintliche Skulptur oder Schneiderpuppe plötzlich bewegt. Hunde schnuppern verwirrt, von den Passanten wird die schmale Taille bewundert oder mein Eingeschnürtsein bemitleidet. Es werden Vergleiche zu Sado-Maso-Kostümen gezogen und viele Fotos gemacht. Es liegt nahe, dass ich auf Rollen der Frau in der Gesellschaft und in verschiedenen Kulturen aufmerksam machen will. Mir geht es aber auch um die inneren Zwänge eines jeden Einzelnen, um jenes psychische Korsett, das man unsichtbar mit sich trägt und das einen oft isoliert in der Masse. Deshalb bewege ich mich als markiertes Teilchen in der Menschenmenge und verhalte mich bei meiner Performance wie im normalen Alltag.

Petra Krischke